Klausurtagung „Selbstbestimmt leben – geht das bei uns überhaupt?“

Dieser Frage ging der Fachbereich für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung der Albert Schweitzer Stiftung – Wohnen & Betreuen am 14. September 2017 im Hotel Aquino in Berlin-Mitte nach. Rund 60 Mitarbeitende beschäftigten sich damit, wie der hohe fachliche Anspruch, den Nutzerinnen und Nutzern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, im Berufsalltag gelebt werden kann.

Der renommierte Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Axel Bohmeyer gestaltete zusammen mit der Leitungsrunde des Fachbereiches den Tag und ermutigte die Teilnehmer/innen durch eine lebendige Darstellung historischer Zusammenhänge zu einer angeregten Diskussion im großen Stuhlkreis. „Selbstbestimmung ist allen wichtig, es gibt aber ein geteiltes Verständnis darüber, woher der Drang nach Selbstbestimmung überhaupt kommt“, eröffnete er und spannte den Bogen von der politischen hin zu einer gesellschaftlichen und sozialen Selbstbestimmung. „Selbstbestimmung gilt als Ausgangs- und Endpunkt des individuellen und gesellschaftlichen Lebens in liberal-demokratischen Gesellschaften“, schloss er seinen Ausführungen und näherte sich dem Kernthema der Tagung, inwiefern auch Menschen mit Beeinträchtigung ihre eigene Selbstbestimmung wahrnehmen können.

In diesem Zusammenhang skizzierte Professor Bohmeyer die schwierige Aufgabe, seinen eigenen Lebensentwurf selbst zu gestalten. Und er warf die Frage auf, inwiefern Menschen Selbstbestimmung durchsetzen können, die bei ihrer Lebensgestaltung einen hohen Unterstützungsbedarf haben.

Ist der Wille zur Selbstbestimmung eine „anthropologische Konstante“ (also dem Menschsein innewohnend) oder erst durch Erziehung angelernt? Da jede/r immer in Abhängigkeit von anderen Menschen, von gesellschaftlichen Bedingungen und von persönlichen Fähigkeiten steht, entstand bei dieser kontroversen Frage eine lebendiger Austausch über den „pädagogischen Tellerrand“ hinaus.

Diese Komplexität, die sich auch im Berufsalltag in der Stiftung wiederfindet, wurde im Anschluss in Kleingruppen angeregt  diskutiert und entfaltete neue Perspektiven bei allen alltagsrelevanten Themenbereichen, sei es bei der Reiseorganisation, der Begleitung von Sucht- und Genussmittel, von Sexualität oder in der Pflege.

Im Anschluss an zwei Fallbeispielen mit den Themen „Essen“ und „Sexualität“ wurde am Nachmittag in kleinen  „Murmelgruppen“ diskutiert. Ein Rollenspiel leitete mit einer gehörigen Schuss Ironie die Kontroversen ein, inwiefern eine Nutzerin was und wieviel zu sich nehmen kann, gerade auch unter Berücksichtigung von gesundheitlichen Aspekten. Nach dem zweiten Praxisbeispiel entstand ein Austausch über Werte und Haltungen zum Thema Sexualität und die Akzeptanz von individuellen Grenzen hierbei.

Wichtigste Essenz der fachlichen Auseinandersetzungen an diesem Fachtag, der durch die offene Gesprächsatmosphäre zwischen Mitarbeiter/innen und Leitungsebene gekennzeichnet war:  Ja zum individuellen, prozessorientierten Arbeiten der Teams mit der Leitung – weg von allgemeinen Regeln und Normen, was Selbstbestimmung beinhaltet.